Motivation – Warum zum Teufel nochmal?
In der Natur unterwegs zu sein ist für mich der perfekte Ausgleich zu dem alltäglichen Treiben auf der Arbeit und dem ganzen weltlichen Chaos Drumherum. Es ist der Ausbruch aus der Gesellschaft und den ganzen guten wie schlechten Einflüssen, die so auf mich hineinprasseln. Einfach mal zur Ruhe kommen, aufmerksam beobachten, dem Herz folgen und den Augenblick genießen. Von Tour zu Tour lerne ich meine Umwelt und die unberührte Natur mehr und mehr zu schätzen. Auch wenn es für den einen oder anderen stumpf klingen mag, irgendwie regungslos im Wald rumzusitzen, so schärft sich doch der Blick für die kleinen Details, die einen so umgeben. Die Geräusche in der vermeintlichen Ruhe im Wald, der kleine Waldbaumläufer drei Meter vor mir, der meißelnde Specht oder der neugierige Fuchs. Irgendwas passiert immer. Ich lasse mich überraschen. So kann ich mir zwar vornehmen „…heute fotografiere ich Rehe…!“, aber dann sind es eben doch ein Falke und Bussard geworden, die mich und meine Kamera gefesselt haben. Ich weiß halt nicht, wer oder was sich blicken lässt. Leise und auf alles vorbereitet sein ist meine Devise. Ich habe keine Kontrolle über die Tiere. In diesem Bewusstsein gebe ich mich dem Moment hin und bin völlig im hier und jetzt. Ein Profi-Fotograf ist mit Sicherheit zielgerichteter als ich: Er kundschaftet wochenlang aus, um den auftragsmäßig gewünschten Hirsch in der richtigen Umgebung bei Sonnenaufgang zu fotografieren. Das Versteck wird Tage vorher vorbereitet und ausprobiert, verbessert. Ja ok, das ist schon ziemlich geil, wenn wochenlange Vorbereitung dann auch entsprechend mit einem beeindruckenden, geplanten Foto belohnt wird. Ist das der Unterschied zwischen Hobby- und Profiknipser?!?
Was ist hier jetzt meine Motivation?!? Es ist mit Sicherheit nicht die Jagd nach einem schönen Foto! Das Foto ist nur die Kür nach einer langen Wanderung, nach dem Aufstehen in aller Frühe oder dem stundenlangen Ausharren bei Minusgraden. Es ist die Bestätigung für mich, dass ich mich richtig verhalten und keine Tiere verschreckt habe. Ein besonderes Talent, um den Auslöser zu drücken, gehört meines Erachtens nicht dazu. Jeder kann das. Es ist eher die Frage, ob ich mich mit der Kamera und zig Kilo an Ausrüstung aufmache oder nicht. Also geht es darum, den inneren Schweinehund zu besiegen. Und wenn man ihn besiegt hat, dann wird man auch mit einem schönen Foto belohnt. Raus aus der Komfortzone!
Magische Momente warten überall. Ich erinnere mich an eine Tour im Hochsommer, es war Juli. An diesem Sonntag bin ich um 04:30 Uhr losgestiefelt, um wirklich alleine den Sonnenaufgang zu erleben. Die Luft war klar und es lag eine herrliche Ruhe über der Landschaft. Nach den ersten fünf Minuten wünschte ich mich in mein Bett zurück und dachte mir „Halleluja, bin ich müde und fertig. Was für eine Scheiße“. Nach weiteren fünf Minuten war ich dann jedoch im Jetzt angekommen. Es wurde allmählich heller und auch kühler. Ich habe sehr oft angehalten und geschaut, was oder wer so um mich herum unterwegs ist. An einer kleinen Brücke habe ich meine Kamera einsatzbereit gemacht. OK, es war noch zu dunkel: 1/160s bei ISO20.000 versprechen keine guten Fotos! Egal. Immer meinem Weg folgend wurde es heller und heller. Es zeichnete sich das Morgenrot ab. Rehe bellten in der Ferne. Bin ich doch nicht der erste, der hier unterwegs ist?
Etwas betrübt ging ich weiter, da ich dachte, dass nun alle Tiere verschwunden seien. Ich kam an eine Lichtung und, was soll ich sagen, es war ein unbeschreiblicher Moment: Der Sonnenaufgang erstrahlte in allen erdenklichen Rot-, Orange- und Gelbtönen, ein seichter Bodennebel legte sich über das Nettetal und im Hintergrund thronte der Wohldenberg. Die Szene an sich war schon beeindruckend genug. Dann jedoch erkannte ich mehrere Rehe, die halb vom Nebel verdeckt, ca. 150m vor mir, auf dem Weg in das angrenzende Wäldchen waren. Etwas überfordert machte ich einige Fotos, um dann doch letzten Endes die Kamera beiseite zu legen um einfach diesen Moment „einzuatmen“. Es war alles so friedlich und harmonisch. Traumhafte Realität.
Als die Rehe in dem Wäldchen verschwunden waren saß ich noch einige Minuten da. Dann machte ich mich auf den Rückweg. Überwältigt und beeindruckt freute ich mich auf den Morgenkaffee zuhause.
Die entstandenen Fotos waren hier nur absolute Nebensache. Ich erinnere mich hier komischerweise primär an diesen Moment und nicht an die Fotos. In Erinnerungen schwelgend bekomme ich immer noch Gänsehaut.
Das ist dann wahrscheinlich auch meine Motivation. Es macht mich süchtig und ich möchte so etwas wieder und wieder erleben. Besondere Augenblicke.
Ein Foto wirkt auf mich dann eher wie ein Beleg dafür, dass dieses Erlebnis real und nicht herbeifantasiert war.
Geh´ raus, die Erde unter deinen Füßen wartet auf dich!